Hanno Willenborg:
Das Heilige zwischen Gefühl und Emotion

Die klassische Emotionstheorien von Charles Darwin, Wilhelm Wundt, William James und William McDougall im Vergleich zu Rudolf Ottos gefühlszentrierter Religionstheorie des Numinosen

Zum Titel

In den letzten Jahrzehnten hat in der Psychologie eine Neuentdeckung des Forschungsbereichs Emotion stattgefunden. Wurden die Gefühle über lange Zeit hinweg eher als lästiges Beiwerk der menschlichen Psyche empfunden, wird dem Gefühlsleben heute zunehmend eine eigene positive Qualität zugestanden. Diese Neubewertung eröffnet die Chance, auch alte Gefühlstheorien der Psychologie selbst wie auch Emotionstheorien aus anderen Forschungsgebieten der Gesellschafts- und / oder Kulturwissenschaften mit anderen Augen zu sehen.

Speziell für das Selbstverständnis des Fachs Religionswissenschaft ergeben sich dadurch neue Betrachtungsmöglichkeiten auf die eigene Forschungstradition. Das wohl bekannteste Modell zum religiösen Wirken der Gefühle entwirft der lutherische Religionsphilosoph Rudolf Otto. Seinen Ansatz des Numinosen vor dem Hintergrund der Wiederentdeckung der Gefühle mit den klassischen Emotionstheorien von Charles Darwin, Wilhelm Wundt, William James und William McDougall in Bezug zu setzen, dabei Parallelen und Beeinflussungen zu erkennen und durch diese Betrachtungen Anregungen zu geben, Ottos Ansatz nicht nur als überkommene Theorie, sondern als Möglichkeit für eine Neuentdeckung des Bereichs Emotionen in der Religionswissenschaft zu sehen, dazu möchte diese Arbeit einen Beitrag leisten 

Inhalt

Danksagungen

1. Einleitung

2. Gefühle und Emotionen – Versuch einer Gegenstandsbeschreibung

a) Emotionstheorien und Emotionsdefinitionen um die Jahrhundertwende und heute

b) Die Beschreibung einzelner Gefühle in der Emotionsforschung

c) Religiös-philosophische Gefühlsideen als Bezug für Rudolf Ottos Emotionstheorie

d) Einzelemotionen und Gefühle als religionswissenschaftliche und religiöse Themen

3. Rudolf Otto und das Numinose

a) Rudolf Ottos Leben und Wirken vor dem Hintergrund der Psychologiegeschichte

b) Rudolf Ottos religiöse Psychologie – einige Aspekte einer weitgefassten Gefühlstheorie

α) Bewusstsein

β) Denken und Sprache

γ) Intuition

δ) Emotion und Gefühl

ε) Motivation

ζ) Wahrnehmung

c) Rudolf Otto und seine psychologischen Nachwirkungen – eine Übersicht

d) Rudolf Ottos religionswissenschaftliche Rezeption – eine Übersicht

4. »Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren« – Die Emotionstheorie von Charles Darwin

a) Charles Darwin – ein biographischer Überblick

b) »Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren«: Beginn der empirischen Emotionsforschung – einige zentrale Aspekte

c) Ähnlichkeiten der Emotionstheorien von Darwin und Otto

α) Darwins Kinderpsychologie und Ottos Essay »Spontanes Erwachen des Sensus Numinis«

β) Die Universalismusidee der Emotionen und Ottos a priori-Vorstellung des Numinosen

γ) Darwins drei Prinzipien unter besonderer Berücksichtigung des 2. Prinzips des Gegensatzes und Rudolf Ottos Beschreibung der Entstehung von Magie

δ) Die »Äußerung von Lauten« bei Charles Darwin und Rudolf Ottos Essay »Urlaute und Urtermini des Sensus Numinis«

ε) Der Beginn der wissenschaftlichen Angstforschung – Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Darwin und Otto in den Schilderungen der Emotionen Angst und Andacht

ζ) Alternativen zu Ottos Darwin-Rezeption? Das Beispiel vom Universalismus des Erlebens

5. Physiologische Psychologie, Individualpsychologie, Völkerpsychologie – Die Emotionstheorie von Wilhelm Wundt

a) Wilhelm Wundt – ein biographischer Überblick

b) Von der physiologischen Psychologie zur Völkerpsychologie – der Beginn experimenteller Emotionsforschung: einige zentrale Punkte in Wundts Gefühlstheorie

c) Ähnlichkeiten der Emotionstheorien von Wundt und Otto

α) Der Schematismus als gleiches kantisches Erbe bei Wundt und Otto: Kontrastgefühl ↔ Kontrastharmonie, Prinzip der Assoziation analoger Empfindungen ↔ Gefühlsgesellung

β) Der Bruch mit Kant: Lust-Unlust-Schema: Wundts und Ottos Gefühlsdimensionen

γ) Wundts und Ottos Analyse ästhetisch/religiöser Gefühle als Basis ihrer Religionstheorie

δ) Wilhelm Wundts »ganzheitspsychologische« Emotionspsychologie und Rudolf Ottos Ganzheitspsychologie – Gefühlsansätze zwischen Elementarismus und Gestaltgesetzen

ε) Die Bedeutung der Emotion in Wundts Völkerpsychologie und Ottos Kritik an Wundt

ζ) Eine alternative Sicht zur Wundt-Rezeption Rudolf Ottos? Die Kritik F. K. Feigels

6. Die »Principles of Psychology« – Emotion als ein rein physiologischer Vorgang? Die Emotionstheorie von William James

a) William James – ein biographischer Überblick

b) James’ Gefühlstheorie als Teil von Bewusstsein und Selbst – einige zentrale Punkte

c) Ähnlichkeiten der Emotionstheorien von James und Otto

α) Die (religiösen) Instinkte bei James und die Anlage als Urgrund der Religion bei Otto

β) Die James-Lange-Theorie und Ottos Kopplung von Religion und religiöser Erfahrung

γ) Die Beschreibung feinerer Gefühle bei James und die ästhetischen Gefühle bei Otto

δ) Die Idee des Selbst als gefühlte Erfahrung bei James und das Selbstgefühl bei Otto

ε) Ähnlichkeiten der Emotionsideen in den religionspsychologischen Arbeiten von William James und Rudolf Otto – ein Forschungsüberblick

ζ) Alternative Sicht: James’ »Principles of Psychology« in der damaligen Religionskunde

7. Sozialpsychologie und Charakterkunde – Die Emotionslehre von William McDougall

a) William McDougall – ein biographischer Überblick

b) Vom Instinkt zur Gesinnung – einige Hauptaspekte von McDougalls Emotionstheorie

c) Ähnlichkeiten der Emotionstheorien von McDougall und Otto

α) Die McDougall-Rezeption durch R. R. Marett und der mögliche Einfluss auf Rudolf Otto

β) Die Instinkte als Ausgangspunkt der menschlichen Entwicklung bei McDougall und Rudolf Ottos Idee einer »religiösen« Anlage als Ausgangspunkt religiöser Entwicklung

γ) Die einfachen und komplexen Emotionen und ihre religiösen Ausformungen bei William McDougall und die Momente des Numinosen bei Rudolf Otto

δ) Das Einfühlen in Kunst und Religion bei Rudolf Otto und das Mitfühlen als nicht spezifisch angeborener Instinkt bei William McDougall – Gefühl zwischen Umwelt und Ästhetik

ε) McDougalls und Ottos Verwendung des tabula rasa-Begriffs und der Behaviorismus

ζ) Eine alternative Sicht: der mögliche Einfluss der Brentanoschule auf Rudolf Otto

8. Fazit: Rudolf Ottos Religionspsychologie und die klassischen Emotionstheorien

a) Psychologische Quellen von Rudolf Ottos gefühlszentrierter Religionstheorie

b) Rudolf Otto, ein emotionspsychologischer Darwinist?

c) Rudolf Ottos Schematismus in Wechselwirkung mit der Erlebenstheorie Wilhelm Wundts?

d) Physiologische Theologie? Die Emotionsideen von Rudolf Otto und William James

e) Die religiöse Anlage – Instinkte und Gefühle bei William McDougall und Rudolf Otto

f) Rudolf Ottos Religionstheorie: ein emotionspsychologischer Entwurf zwischen Ethologie, Physiologie und Gestaltidee

9. Rudolf Ottos psychologisches Erbe – Anregungen und Irrtümer aus heutiger Sicht

a) Rudolf Ottos Theorie als Quelle alternativer therapeutischer Ansätze

b) Ottos Gefühls-»Darwinismus« und die heutige Evolutions- und Ethnopsychologie

c) Wundts Strukturalismus, Ottos Schematismus und konstruktivistische Ansätze heute

d) Ottos und James’ Gefühlsmodell und die heutige Bewusstseins- und Identitätsforschung

e) Ottos und McDougalls Ideen zum (religiösen) Instinkt und zur Empathie aus heutiger Sicht

f) Rudolf Ottos religiöse »Emotionspsychologie« und ihre Bedeutung heute – ein Fazit

10. Literaturverzeichnis

11. Register

12. Anhang

Hanno Willenborg
Das Heilige zwischen Gefühl und Emotion.
Die klassische Emotionstheorien von Charles Darwin, Wilhelm Wundt, William James und William McDougall im Vergleich zu Rudolf Ottos gefühlszentrierter Religionstheorie des Numinosen.

EKF Wissenschaft
Abt. Religionswissenschaft
522 S. | 22,0 x 15 cm
mit zahlr. Abb. u. Tabellen
700 g | Paperback
ISBN: 978-3-933816-45-0
1. Auflage 2011
45,00 EUR