Claudia Wustmann:
Die »begeisterten Mägde«

Mitteldeutsche Prophetinnen im Radikalpietismus am Ende des 17. Jahrhunderts

Zum Titel

Die »begeisterten Mägde« – so nannte man am Ende des 17. Jahrhunderts einige Frauen, die im Milieu des radikalen Pietismus als Prophetinnen auftraten und die zeitweilig eine beträchtliche Anhängerschaft hinter sich versammeln konnten. Warum vermochten gerade diese Frauen es, Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld, aber auch prominente Vertreter des Pietismus wie August Hermann Francke davon zu überzeugen, dass sie göttliche Offenbarungen empfangen hätten?

Um diese Frage zu beantworten, wird die Situation rekonstruiert, in der die Offenbarungsträgerinnen an die Öffentlichkeit traten. Die daraus gezogenen Schlüsse geben auf einer mikrohistorischen Ebene Einblick in die Lebensumstände des ausgehenden 17. Jahrhunderts, bilden aber gleichzeitig einen Beitrag zum religionssoziologischen Diskurs über die Bedingungen der Möglichkeit von Offenbarungsberichten.

Die Studie greift dabei etliche von der Religionswissenschaft derzeit lebhaft diskutierte Fragen, wie die nach dem Zusammenhang von religiöser Dynamik und Nonkonformismus, Religion und Gender oder nach religiösen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen, auf und leistet einen Beitrag zu diesen aktuellen Diskursen.

Inhalt

Vorwort

Einleitung
Thema
Der Pietismus – Begriffsklärung und Eingrenzung
Forschungsstand
Quellenlage
Methodisch-theoretische Zugänge
Der Radikalpietismus als Netzwerk
Rational-Choice-Theorie
Diskurstheorie
Geschlechterforschung
Der theologische Hintergrund 

1 Hintergründe und Rahmenbedingungen des Phänomens der »begeisterten Mägde«
1.1 Geographische und historische Aspekte
1.1.1 Die Situation Ende des 17. Jahrhunderts
1.1.2 Warum vor allem Mitteldeutschland?
1.2 Die Haltung der lutherischen Orthodoxie gegenüber Frauen im Pietismus und »Neuen Propheten«

2 Der Pietismus im 17. Jahrhundert
2.1 Hauptinhalte
2.2 Die Anfänge pietistischer Frömmigkeit
2.3 Der Pietismus als religiöse Erneuerungsbewegung innerhalb der lutherischen Kirche
2.4 Pietistischer Separatismus
2.4.1 Der Chiliasmus
2.4.2 Die Lehre von der fortlaufenden Offenbarung
2.4.3 Mystische Tendenzen
2.4.3.1 Der Gedanke der Relativierung der Kirche durch eine unmittelbare Geisterfahrung bei Makarios
2.4.3.2 Der romanisch-quietistische Mystizismus
2.4.4 Erweckung und Wiedergeburt
2.5 Frauenbild und Rollenverständnis des Pietismus
2.5.1 Der kirchliche Pietismus
2.5.2 Der radikale Pietismus
2.6 Die Rolle der pietistischen »Patriarchen« Philipp Jakob Spener und August Hermann Francke
2.6.1 Die Haltung zu unmittelbaren Offenbarungen
2.6.2 Speners Beitrag zum Entstehen des pietistischen Separatismus
2.6.3 Chiliasmus
2.6.4 Sozialkritische Elemente ihrer Lehre
2.6.5 Franckes Frauenbild

3 Der pietistische Prophetiebegriff
3.1 Begriffsklärung Prophetie – Charisma – Berufung – Offenbarung
3.2 Das pietistische Bekehrungs- bzw. Erweckungserlebnis
3.3 Offenbarung und Öffentlichkeit

4 Wegbereiter des radikalen Pietismus
4.1 Johann Arndt (1555-1621)
4.2 Jakob Böhme (1575-1624)
4.3 Jane Leade (1624-1704)
4.4 Jean de Labadie (1610-1674)
4.5 Johann Georg Gichtel (1638-1710)
4.6 Gottfried Arnold (1666-1714)
4.7 Ernst Christoph Hochmann von Hochenau (1670-1721) 

5 Die mitteldeutschen Prophetinnen Ende des 17. Jahrhunderts
5.1 Bedeutende Vorgängerinnen
5.1.1 Johanna Eleonora von und zu Merlau, verh. Petersen
5.1.2 Adelheid Sibylle Schwartz
5.1.3 Rosamunde Juliane von der Asseburg
5.2 Leipzig
5.2.1 August Hermann Francke und die Leipziger pietistischen Unruhen
5.2.2 Frauen im Leipziger Pietismus
5.3 Erfurt
5.3.1 Der Erfurter Pietismus
5.3.1.1 Die Anfänge
5.3.1.2 Francke und Breithaupt
5.3.1.3 Der radikale Pietismus um Georg Heinrich Brückner (1652-1700)
5.3.2 Anna Maria Schuchart
5.3.3 Susanna Magdalena Kirchner und weitere Erfurter Visionärinnen
5.4 Quedlinburg
5.4.1 Der Quedlinburger Pietismus
5.4.2 Magdalena Elrichs
5.4.3 Anna Eva Jacobs
5.4.4 Weitere Ekstatikerinnen
5.5 Halberstadt
5.5.1 Der Halberstädter Pietismus
5.5.2 Catharina Reinecke
5.5.3 Anna Margaretha Jahn
5.6 Halle
5.6.1 August Hermann Franckes Anfangsjahre in Halle
5.6.2 Der Enthusiasmus
5.7 Agnes Gräfner, die Wanderprophetin 

6 Auswertung
6.1 Der »Ursprung« der Visionen – Visionen als Kommunikationsmittel?
6.2 Der Einfluss sozialer Faktoren
6.2.1 Der Inhalt der Visionen im pietistischen Kontext
6.2.2 Der Einfluss des sozialen Umfeldes auf das Selbstbild der Mägde
6.2.3 Die Bedeutung des sozialen Standes
6.2.4 Biographische Faktoren
6.3 Relevanz und Auswirkungen der Geschlechtszugehörigkeit
6.3.1 Stigmata und Krankheit – Die körperliche Prägung weiblicher Spiritualität
6.3.2 Der Topos höherer Emotionalität von Frauen im Hinblick auf spezifische Formen weiblicher Frömmigkeit
6.3.3 Prophetinnen als Instrument männlicher »Mentoren«?
6.3.4 Weiblichkeit und Prophetie – Geschlecht als soziale Kategorie
6.4 Zusammenfassung

7 Schlussbemerkungen
7.1 Der Pietismus als Wegbereiter der Frauenemanzipation?
7.2 Die Prophetin im Spannungsfeld zwischen eigenverantwortlichem Handeln und Instrumentalisierung
7.3 Die Rolle von sozialem Stand und Geschlecht für die Eignung zur Prophetin
7.4 Fazit

Anhang
Gedichte Joachim Fellers
Bezeugung Anna Maria Schucharts

Literatur- und Quellenverzeichnis
Gedruckte Quellen
Ungedruckte bzw. unveröffentlichte Quellen
Sekundärliteratur

Personenregister

Rezension

H-Soz-u-Kult

Die vorliegende Arbeit ordnet sich in den Kontext von Fragen nach spezifisch weiblicher Religiosität und deren Bedeutung in den religiösen Erneuerungsbewegungen des Christentums ein. Die Reformationsforschung hat erst kürzlich auf der Grundlage empirischer Befunde auf den Wandel in der religiösen Praxis im ausgehenden Reformationsjahrhundert hingewiesen und die Prägekraft des weiblichen Engagements für das Kirchenleben betont. Die Tatsache, dass sich vor allem die Pietisten für die Zeugnisse von Frauen aus der Frühzeit der Reformation interessierten, ist ein weiterer Grund, der Frage nach der Bedeutung der Frau und ihrer konkreten Aktivitäten im Pietismus nachzugehen. Nicht erst im Zuge der sich in den letzten Jahren vollziehenden Öffnung hat sich die vormals theologisch dominierte Pietismusforschung verstärkt der Frauenfrage zugewandt und die Rolle von Frauen als „Prophetin, Führerin und Organisatorin“ religiöser Bewegungen betont. Zahlreiche Arbeiten haben seit Beginn der 1990er-Jahre bereits die Rolle von Frauen im Pietismus untersucht und gezeigt, dass diese durchaus eigene Beiträge zum religiösen Erneuerungsdiskurs, das heißt vor allem zum Pietismus als Frömmigkeitsbewegung, geleistet haben und damit weit mehr als nur fromme Rezipientinnen gewesen sind. Der Einfluss dieser Frauen auf die pietistische Bewegung ist in der Pietismusforschung mittlerweile anerkannt; dennoch erstreckt sich die Betrachtung der Thematik nach wie vor zumeist auf Einzelpersonen als Exempel. Ausnahmen leiden an dem Nachteil, dass sie sich in der Mehrzahl auf die Biografik als Quellengrundlage stützen, was ungebildete Frauen niedrigen Standes von der Betrachtung ausschließt. Das Fehlen von Forschungen mit spezifisch geschlechtsspezifischer Fragestellung vor allem für das 17. Jahrhundert ist vielfach beklagt und vor allem mit der eingeschränkten Quellenlage sowie kirchengeschichtlichen Spezifika begründet worden.

Vor diesem Hintergrund ist Claudia Wustmanns Arbeit als engagierter Versuch anzusehen, kritische Fragestellungen der historischen Frauen- und Geschlechterforschung an das bislang von der Forschung vernachlässigte Feld prophetischer Frauen in der frühen Neuzeit heranzutragen und Neuoffenbarungen religionssoziologisch im historischen Kontext zu verorten. Die breite und umfassende Hinführung zum Thema qualifiziert die Publikation zu einem Einführungswerk in die Beschäftigung mit dem frühen Pietismus, zumal auch die Beziehung zwischen Prophetinnen, Theologen und Laien betrachtet wird. 

Ihrer Zielstellung wird Claudia Wustmann weitgehend gerecht, wenn sich auch das Fazit der Untersuchung sehr zurückhaltend ausnimmt. […] Insgesamt spiegelt sich beim Lesen die Spannung zwischen gebotener pragmatischer Beschränkung auf Einzelaspekte und dem Bemühen, weitere aktuelle Diskussionsstränge aufzunehmen, wider. Hier deutet sich an, dass vorliegende Publikation bei allen Verdiensten bei weitem noch kein Schlusspunkt darstellen kann und vielmehr als Ausgangspunkt für weitere Forschungen anzusehen ist. Somit bildet das Buch einen achtbaren Zugewinn zu einer interdisziplinär bereicherten Pietismusforschung. Darüber hinaus ist dies eine der ersten religionswissenschaftlichen Arbeiten zur europäischen frühen Neuzeit und sollte als Beitrag zu einer historischen Religionssoziologie gewürdigt und rezipiert werden.

Daniel Eißner

Claudia Wustmann
Die »begeisterten Mägde«
Mitteldeutsche Prophetinnen im Radikalpietismus am Ende des 17. Jahrhunderts

EKF Wissenschaft
Religionswissenschaft 1
244 S. | 22,0 x 15 cm
380 g | Paperback
ISBN: 978-3-933816-38-2
1. Auflage 2008
35,00 EUR