Tobias Kirchhof:
Der Tod Schleiermachers

Prozess und Motive, Nachfolge und Gedächtnis

Zum Titel

"Dieser herrliche Tod hat hier viel Eindruck gemacht. Er hat die, welche an seinem Christentum zweifelten, beschwichtigt und wenigstens für den Augenblick still gemacht." 

So beschreibt der Zeitgenosse und Historiker Leopold von Ranke den Tod Friedrich Schleiermachers. Für einen großen Teil der gebildeten Gesellschaft um 1834 zeigte sich im Sterben des Predigers und Theologen ein christliches Bekenntnis, das unabhängig der eigenen religiösen Einstellung, sei sie orthodox, erweckt oder rationalistisch, tief beeindruckte.

Die hohe Anerkennung dieses öffentlich dokumentierten Sterbeprozesses wirft aber auch die Frage nach dessen möglicher Inszenierung auf. Dieser Frage sowie dem Problem der Tradierung von Schleiermachers wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen und der um ihn und seinen Tod konstruierten Erinnerungsgehalte widmet sich das Buch. Dazu sind bisher unbekannte Quellen erschlossen worden, die in einem umfangreichen Anhang zusammen mit einem großen Bildteil zugänglich gemacht sind.

Inhalt

Verzeichnis der Siglen und Abkürzungen
Vorwort
Einleitung

I. Sterben, Tod und Begräbnis

1. Forschungsgeschichte und Quellenlage
2. Der Sterbeprozess
3. Ferdinand Delbrück
4. Das Begräbnis
5. Abschiedsfeiern und Trauerriten
6. Karoline Fischer und Bettina von Arnim
7. Die Familie
8. Einordnung

II. Die Nachfolge

1. Die Nachfolge an der Universität
2. Die Nachfolge im Predigtamt
3. Die Nachfolge an der Akademie
4. Die Nachfolge in der Gesetzlosen Gesellschaft

III. Die Schleiermachergesellschaft und die Schleiermacher'sche Stiftung

1. Die Schleiermachergesellschaft und der Nachlass
2. Der Streit um die Herausgabe der Vertrauten Briefe
3. Die Schleiermacher'sche Stiftung

IV. Die Schleiermacherschulen

1. Was ist eine akademische Schule?
2. Eine theologische Schleiermacherschule?
3. Andere akademische Schleiermacherschulen?
4. Die kirchenpolitische Schleiermacherschule
5. Eine literarische Schleiermacherschule?
6. Zusammenfassung

V. Erinnerung
A) Die Kommunikationsmedien
B) Die Gedächtnisträgergruppen
1. Schleiermacher als Person im kollektiven Gedächtnis
1.1. Er predigte gewaltig
1.2. Des Wissens Meister
1.3. Ehren wir die Gesinnung der Sittlichkeit
1.4. Der wahre Patriot
1.5. Als Schriftsteller berühmt
1.6. Ein Gottes- und Unsterblichkeitsleugner
1.7. Auswertung

2. Schleiermachers Tod im kollektiven Gedächtnis

2.1. Dies habe ich mir immer gewünscht - Sterben bei vollem Bewusstsein
2.2. In dieser Liebe bleiben wir Eines - Das letzte Abendmahl
2.3. Liebet Euch untereinander - Das Vermächtnis an die Kinder
2.4. Gebt mir eine andere Lage - Die letzten Worte
2.5. Am Geburtstag seines Nathanael - Das Sterbedatum
2.6. Auswertung

VI. Anhang

1. Die Sterbeüberlieferungen
2. Quellen zu Gedächtnis, Nachfolge und Nachlass
3. Gedichte auf den Tod Schleiermachers
3.1. Ein Gedicht des Grafen H. L. W. K. von Schwerin-Putzar
3.2. "Schleiermacher's letzte Stunde" von Kühnemund von Arnim
3.3. "Schleiermacher's Todtenfeier" von Eduard M. R.
3.4. "Schleiermacher auf dem Sterbebette" [Anonym]
4. Ikonographie
4.1. Franz Michelis: Schleiermacher auf dem Totenbett
4.2. Gottfried Bernhard Loos: Gedenkmedaille Schleiermachers
4.3. Johann Karl Fischer: Gedenkmedaille Schleiermachers
4.4. Auguste Hüssener: Porträt Schleiermachers
4.5. Das Grabmal Schleiermachers
4.6. Fritz Neuber: Das Schleiermacherstandbild in St. Nikolai
4.7. Hopfgarten: Das Schleiermacherdenkmal bei der Konkordienkirche
4.8. Schleiermacher als Freiheitskämpfer
4.9. Christian Daniel Rauch: Die Büste Schleiermachers

VII. Literaturverzeichnis

1. Ungedruckte Quellen
2. Presseberichte
3. Literatur

VIII. Personenregister

Rezension

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG:

In einem Brief an den Philosophen Heinrich Ritter hat der Historiker Leopold Ranke 1834 vom «herrlichen Tod Schleiermachers» gesprochen: «Er hat die, welche an seinem Christentum zweifelten, beschwichtigt und wenigstens für den Augenblick still gemacht.» In der Tat deuteten viele Zeitgenossen Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers Sterben als letztes grandioses Zeugnis seiner Frömmigkeit, als Stunde, «in der er seinen Glauben bewähren sollte». Seit der zunächst anonymen Veröffentlichung seiner «Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern» (1799) war der bald gefeierte Theologe immer wieder des Pantheismus verdächtigt worden. Sowohl die klugen Meisterdenker einer kirchlichen wie politischen Restauration als auch die Wortführer der neupietistischen Erweckungsbewegung sahen im politisch liberalen Berliner Universitätstheologen einen gefährlichen Kantonisten, der die Substanz des alten Kirchenglaubens zugunsten eines relativistischen Subjektivismus preisgegeben habe.

Schleiermachers Tod am 12. Februar 1834 veränderte dann zumindest eine Zeitlang die Wahrnehmung seiner Theologie und Frömmigkeit. Der Sterbende hatte mit einigen am Bette versammelten Freunden und Familienangehörigen ein letztes Abendmahl gefeiert und selbst noch allen Brot und Wein gereicht. Dann spendete er sich selbst die heilige Speise, sprach zu seiner Frau mit Blick auf Gottes in Christus bezeugte Liebe den Satz «In dieser Liebe und Gemeinschaft sind und bleiben wir Eines» - und verschied.

Dieser Tod war ein großes öffentliches Ereignis. Bereits «wenige Minuten nach dem Heimgang» sollen sich vor Schleiermachers Haus in der Berliner Wilhelmstrasse Menschentrauben gebildet haben, und schon nach einer Stunde war die Nachricht bis in die entferntesten Berliner Bezirke gedrungen. Die außergewöhnliche Popularität Schleiermachers hängt eng damit zusammen, dass der Theologe neben seinen Ämtern in Universität und Akademie als Prediger der Dreifaltigkeitskirche Sonntag für Sonntag eine gebildete Personalgemeinde um sich versammeln konnte. Das Begräbnis dürfte die größte Trauerfeier für einen Bürgerlichen gewesen sein, die die preußische Hauptstadt im 19. Jahrhundert erlebte.

Allerdings ist die Behauptung der in Schleiermacher verliebten Bettina von Arnim, es hätten Hunderttausende in den Strassen Spalier gestanden oder sich in den Trauerzug eingereiht, wohl ins Reich der allzu pietätvollen Memorialfiktionen zu verweisen; Berlin hatte damals nicht mehr als 300000 Einwohner. Wie auch immer: Nach der öffentlichen Aufbahrung des Toten, dem seine alte Bibel in die Hände gelegt worden war, setzten sich Schüler der Gymnasien, Studierende, zwei Musikkorps, Professoren, Militärs, die Pfarrerschaft und Tausende anderer am 15. Februar, einem Samstag, mittags in Bewegung, um Schleiermacher quer durch die ganze Stadt auf seinem letzten Wege zu folgen. Zugleich wurden Tausende von Lithografien des im Talar Aufgebahrten verkauft; und bald schon entstand ein eigener Erinnerungskult mit Gedenkmünzen und -medaillen. Das alles in einer Stadt, die für viele deutsche Historiker schon um 1800 die Welthauptstadt von Säkularismus und Entkirchlichung war.

Wer Neues über die außerordentliche erinnerungskulturelle Potenz religiöser Riten und die damit eng verknüpfte Formenstrenge bürgerlichen Totenkults erfahren will, findet in Tobias Kirchhofs minuziöser Analyse von Schleiermachers Sterben, Tod und Verklärung faszinierendes Anschauungsmaterial. Zwar ist die Studie sprachlich wenig überzeugend, aber die vielen im Anhang dargebotenen Quellen und die differenzierte Beschreibung der Abläufe kompensieren manche stilistische Schwäche. Selbst zur bald von Gegnern diskutierten Frage, ob Schleiermacher seinen so emphatisch frommen Tod bewusst inszeniert habe, hat der Autor interessante Quellen gefunden. Aber diese Frage lässt sich weder mit ideenhistorischen Mitteln noch den Instrumenten einer Frömmigkeitsgeschichte beantworten. Man kann es religiös sagen: Sterbliche können Sterbenden nicht ins Herz schauen.

Friedrich Wilhelm Graf / Neue Zürcher Zeitung vom 4. Juli 2007

ETUDES THÉOLOGIQUES ET RELIGIEUSES:

Tels sont les diférents angles sous lesquels cette recherche à la fois inattendue, originale et éclairante examine la pensée et l'influence de S. La documentation mise à contribution est énorme (K. ne se contente pas d'une enquête portant sur le seul théologien S., mais prend en considération tous les aspects de sa pensée et n'hésite pas à examinerde près, avec pndération, jusqu'à son influence dans le domaine purement litéraire). Aussi comprend-on que K. ait limité son enquête à ce qui existe en allemand. Mais peut-être aurait-il dû au moins signaler quelques pistes qui seraient aussi prendre en considération dans d'autres aires linguistiques. Cela dit, ce vol. devrait s'imposer désormais comme une source d'information sur laquelle on ne pourra plus faire l'impasse, d'autant moins qu'il reproduit en annexe, in fine, une  documentation iconographiques et textuelle qui ne se trouve pas dans la Kritische Gesamtausgabe.

Bernard Reymond / Etudes Théologiques et Religieuses 3 (2008), S. 471

Tobias Kirchhof
Der Tod Schleiermachers
Prozess und Motive, Nachfolge und Gedächtnis

EKF Wissenschaft
Theologie 1
312 S. | 22,0 x 14,5 cm
400 g | Paperback
ISBN-10: 3-933816-22-X
ISBN-13: 978-3-933816-22-1
1. Auflage 2006
45,00 EUR