Friederike Lepetit:
Weihnachten - ein sozialistisches Friedensfest?

Christliche Motive und Traditionen im Musikunterricht der DDR am Beispiel des Weihnachtsfestes

Zum Titel

Anknüpfung trotz grundlegender Kritik am Christentum, Vereinnahmung trotz offiziellen Bruchs mit religiösen Traditionen, Fortführung trotz gewollter Abschaffung ›kirchlicher‹ Ideen - so lässt sich der Umgang der sich als atheistisch und areligiös verstehenden sozialistischen Machthaber mit dem Weihnachtsfest zusammenfassen, denn offensichtlich konnte das »Fest der Feste« und die damit verbundene Identität nicht abgeschafft, sondern nur ersetzt werden. Aus diesen Beobachtungen scheint das doppeldeutige Rezeptionsverhalten zu resultieren, das Friederike Lepetit am Beispiel christlicher Motive und Traditionen in Schul- und Schulliederbüchern, weihnachtlichen Feiermaterialien sowie Pionier- und FDJ-Liederbüchern beschreibt. Besondere Aufmerksamkeit erhält dabei die Religions- und Bildungspolitik der DDR und die Entwicklungslinien, die das unbequeme Thema in den untersuchten Quellen hinterlassen haben. Diese spiegeln insgesamt das Anliegen der DDR-Staatsführung, Weihnachten als ein »sozialistisches Friedensfest« zu etablieren, um die Basis für eine neue Erinnerungskultur und Gruppenidentität zu legen.

Inhalt

Vorwort

I. Forschungsüberblick und eigene Fragestellung

II. Die Quellen – Weihnachten im Musikunterricht der DDR
1. Zur Methode der Liedanalyse
2. Zur Auswahl der Schulbücher
3. Schul- und Schulliederbücher
4. Materialien für Weihnachtsfeiern
5. Pionier- und FDJ-Liederbücher

III. Der historische Kontext – Religions- und Bildungspolitik in der DDR
1. Religion und Kirche
2. Die Einheit von Erziehung und Bildung
3. Zur historischen Entwicklung des Bildungssystems
4. Das Fach Musik im Bildungssystem
5. Singen und das ideologische Lied
6. Religiöse Musik im Musikunterricht

IV. Entwicklungslinien – Geschichte eines unbequemen Themas
1. Schul- und Schulliederbücher
2. Materialien für Weihnachtsfeiern
3. Pionier- und FDJ-Liederbücher
4. Veränderte Weihnachtslieder
5. Die Liedumgebung der Weihnachtslieder

V. Zwischen Anknüpfung, Anpassung und Abschaffung – Zum Umgang mit dem Christfest im Musikunterricht der DDR

VI. Zusammenfassung – Das »sozialistische Friedensfest« als Medium des kollektiven Gedächtnisses und als religiöses Surrogat

VII. Ausblick

VIII. Quellenverzeichnis

IX. Literaturverzeichnis

Textauszug | Vorwort

Weihnachten ist in unseren Breitengraden das ›Fest der Feste‹. Alljährlich zieht es nicht nur Christen, sondern alle Menschen, ob jung oder alt, in seinen Bann und wird wie kein anderes Fest immer wieder aufs Neue aufwendig begangen. »Es weihnachtet« sagen wir und meinen damit jene Atmosphäre, die den Dezember mit seinem Kerzenschein und seinen Lichterbögen aus der dunklen Jahreszeit heraushebt. Auch die Musik trägt zu dieser besonderen Atmosphäre bei: Advents-Singen und Weihnachtskonzerte erfreuen sich ebenso großer Beliebtheit wie Konzertübertragungen und Spendengalas im Fernsehen, auf Weihnachtsmärkten wird der Besucher mit den Schlagervarianten amerikanischer Weihnachtslieder beschallt, und Weihnachtsmedien aller Art erzielen rekordverdächtige Verkaufszahlen. Überhaupt scheint die Vermarktung des »Fests der Feste« keine Grenzen zu kennen. Frohlockte die Bildzeitung nach dem ersten langen Samstag 1967 noch, dies sei der »verkaufsintensivste seit 1905« [1] gewesen, so forderte die rotgrüne Regierung 2003 zur Ankurbelung der Konjunktur bereits vier verkaufsoffene Adventssonntage. Das Weihnachtsgeschäft ist eben das Geschäft des Jahres.

[1] U. Jeggle: Schöne Bescherung. Spekulationen und Recherchen über Weih-nachten. In: Allmende. Eine alemannische Zeitschrift. Heft 3, 1981, S. 2. Im Folgenden werden bei Erstnennung die vollen, bei jeder weiteren Nennung die Kurztitel angegeben.

Rezension

Das Weihnachtsfest ist seit längerem Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung. Zu seinen politischen Dimensionen, insbesondere zur politischen Instrumentalisierung dieses Festes, haben Doris Foitzik (Rote Sterne, braune Runen. Politische Weihnachten zwischen 1870 und 1970, Münster 1997) sowie Richard Faber und Esther Gajek (Politische Weihnacht in Antike und Moderne. Zur ideologischen Durchdringung des Fests der Feste, Würzburg 1997) entsprechende Studien vorgelegt. Die 2006 im Druck erschienene Untersuchung von Friederike Lepetit stellt sich in die Tradition dieser Arbeiten, insbesondere folgt sie der Einsicht, die Machthaber der ehemaligen DDR hätten versucht, das Fest zu profanieren und mit neuen sakralen Elementen eines politisch-sozialistischen Kultes anzureichern. Kurzum, Weihnachten sollte, so die These weiter, mit antireligiöser bzw. atheistischer Zuspitzung als sozialistisches Friedensfest« begangen werden.

Lepetit […] übernimmt diese Ausgangsposition und fragt, wie christliche Weihnachtsmotive und -traditionen in den schulischen Musikunterricht der DDR übernommen, gestrichen oder uminterpretiert wurden. Als Quellen zieht sie (1) Schul- und Schulliederbücher (2) Materialien für Weihnachtsfeiern sowie (3) Pionier- und FDJ-Liederbücher aus der Zeit zwischen 1945 und 1990 heran. Dabei macht die Autorin deutlich, dass die untersuchten Quellen «keine Auskunft über die tatsächliche Fest- und Unterrichtspraxis geben; es geht ihr also mehr um die «Bildungsidee« als um die »Bildungsrealität« (S. 14). 

Die klar strukturierte Arbeit lässt auf die Beschreibung der Quellen den historischen Kontext und die damit verbundenen Entwicklungslinien folgen. Abschließend wird dann «der Umgang mit dem Christfest im Musikunterricht der DDR beschrieben, wobei der Ursprung weihnachtlicher Motive und Traditionen in den biblisch bezeugten Evangelien als Vergleichsgrundlage herangezogen wird.« Dieser Teil ist wohl der problematischste der Untersuchung. Auf ihn soll hier näher eingegangen werden – nicht um den Wert der Arbeit von Lepetit zu schmälern, sondern um ein grundlegendes Desiderat religiöser/religionswissenschaftlicher Liedforschung anzusprechen: die Ahistorizität. 

Der Ausgangspunkt der Autorin ist ein legitimer und wichtiger: Sie will nämlich christliche und sozialistische Deutungen« des Weihnachtsfestes miteinander vergleichen. Allerdings ist es methodisch fragwürdig, abstrakte christliche Ideen – seien sie direkt aus der Bibel, der christlichen Lehrtradition oder dem Brauchtum abgeleitet – mit den staats- sozialistischen der DDR in direkte Beziehung zu setzen. Es wäre wohl besser und redlicher gewesen, auf theologische Quellen des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen, insbesondere auf solche, die in der DDR entstanden sind. Dies hätte womöglich auch zu der Erkenntnis geführt, dass Christentum und Sozialismus nicht per se einander schroff gegenüber stehen müssen: Immerhin gab es sowohl in der Weimarer Republik, als auch in der DDR und der BRD ganz verschiedene Kräfte, die sich als religiöse Sozialisten bzw. sozialistische Christen verstanden. […]

Bemerkenswert ist, dass die politische Indienstnahme des Weihnachtsfestes um 1980 ihre Grenze erreichte. Danach wurden »neutrale« Stimmungslieder bevorzugt. Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Ost-West-Vergleich gewesen — auch in der alten Bundesrepublik dienten Lieder und Liederbücher nicht nur zur Feier genuin religiöser Ideen. Ob dort die Banalisierung und Profanierung ehemals sakraler Traditionsbestände im Gesamten geringer war als in der DDR, ist zu bezweifeln. Aber wenigstens hatten die Menschen dort weitreichende Möglichkeiten, sich der Bevormundung durch Staat, Schule, Wirtschaft und selbst der Kirchen zu entziehen. In ihrem Ausblick lenkt Friederike Lepetit den Blick auf gegenwärtige Vereinnahmungsversuche. Sie verweist auf die Aufgabe der Lehrer, die Schülerinnen und Schüler »vor einer konsumbedingten Unmündigkeit zu schützen« (S. 135). Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit von Lepetit nicht nur eine historische Analyse, sondern auch ein didaktischer Aufruf: Die Beschäftigung mit dem DDR-Musikunterricht kann dazu beitragen, dem »Blick für mögliche Beeinflussungsversuche heutzutage« (S. 134) entgegenzuwirken. 

Michael Fischer, Lied und populäre Kultur/Song and Popular Culture, Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs, 54 (2009), S. 396-397.

Weihnachtslieder mit christlichen Botschaften hat man zu DDR-Zeiten in den Schul- und offiziellen Liederbüchern vergeblich gesucht. Für den SED-Staat bedeutete das Fest stattdessen: Frieden, winterliche Freuden und festlicher Lichterglanz. Schließlich konnte es nach Meinung der DDR-Machthaber nicht angehen, dass Pioniere und FDJler religiöse Weihnachtslieder singen und dabei womöglich auch noch geächtete Worte wie Jesus oder Gott in den Mund nahmen. Die Pädagogin Friederike Lepetit, Jahrgang 1979, hat dies erforscht und dafür Schul- und Liederbücher sowie Lehrpläne untersucht. [...] 

Schon kurz nach Gründung der DDR war alles aus den Musikbüchern getilgt, was irgendwie einen religiösen Anstrich hatte. In den 1950er Jahren wurde sogar noch mit Brachialgewalt versucht, Traditionen des großen Sowjetbruders durchzuboxen - etwa das Jolkafest zu popularisieren oder den Stern von Bethlehem durch das Leuchten des roten Sternes zu ersetzen. Da das offensichtlich gründlich misslang, ging man später feinfühliger, aber nicht minder konsequent vor. So wurden zu Melodien bekannter Weihnachtslieder neue Texte geschrieben oder Passagen verändert. In "Leise rieselt der Schnee" hieß es plötzlich nicht mehr "freue dich Christkind kommt bald".

Letztlich sollte das christliche Weihnachten in ein sozialistisches Friedensfest verwandelt werden. Doch kaum eines der neuen, ideologisch angepassten Weihnachtslieder konnte sich durchsetzten. Mit einer markanten Ausnahme, die zugleich ein typisches Beispiel für den letztlich erfolglosen Versuch darstellt, Weihnachtslieder ihrer christlichen Wurzeln zu berauben und das Fest rein auf Familie, Lichterglanz, Friede, Freude und Geschenke zu reduzieren: "Sind die Lichter angezündet" - ein Lied, das fast ausschließlich im Osten Deutschlands bekannt ist.

Andreas Wohland, Der Sonntag (2. Advent 2009), S. 6

Friederike Lepetit
Weihnachten – ein sozialistisches Friedensfest?
Christliche Motive und Traditionen im Musikunterricht der DDR am Beispiel des Weihnachtsfestes

EKF Wissenschaft
LThB 2
150 S. | 21,0 x 13,5 cm
190 g | Paperback
6 Tabellen
ISBN-10: 3-933816-31-9
ISBN-13: 978-933816-31-3
1. Auflage 2006
28,00 EUR