Jan Hecker-Stampehl [Hg.]:
Nordeuropa und die beiden deutschen Staaten 1949-1989

Aspekte einer Beziehungsgeschichte im Zeichen des Kalten Krieges

Zum Titel

Im Mittelpunkt dieses Bandes stehen die Beziehungen der beiden deutschen Staaten zu Nordeuropa einerseits und die Haltungen der nordischen Länder zur deutschen Frage andererseits. Der Norden Europas lag ebenso wie das geteilte Deutschland an einer Nahtstelle des Kalten Krieges und wurde Schauplatz des deutsch-deutschen Konflikts. Finnland hatte enge Beziehungen zur Sowjetunion, Schweden war allianzfrei, auch in den NATO-Mitgliedsstaaten Dänemark, Island und Norwegen wurden Gesellschaftsmodelle praktiziert, welche die DDR darauf hoffen ließen, hier die diplomatische Isolation durch den Westen durchbrechen zu können. Zwischen der DDR und der Bundesrepublik entwickelte sich eine Konkurrenzsituation um die Gunst der nordischen Länder, die bisweilen aberwitzige Formen annahm, in der sich aber immer wieder die ungelöste deutsche Frage spiegelte.

Mit diesem Sammelband werden die Ergebnisse der seit Öffnung der DDR-Archive geleisteten Forschung erstmals in deutscher Sprache zusammengefasst und neue Perspektiven aufgezeigt. Alle nordischen Länder sind in diesem Band berücksichtigt worden. Eine Bibliografie verzeichnet die einschlägige Forschungsliteratur zu den deutsch-deutsch-nordeuropäischen Beziehungen im Kalten Krieg.

Inhalt

Jan Hecker-Stampehl: Vorwort

Michael F. Scholz: Die ostdeutsche Nordeuropapolitik bis zur internationalen Anerkennung der DDR (1972/73)

Karl-Christian Lammers: Nachbar zweier deutscher Staaten. Dänemark, die Bundesrepublik und die DDR

Thomas Wegener Friis: »Auf der Grundlage glaubwürdiger und zuverlässiger Angaben«. Die nachrichtendienstliche Tätigkeit der DDR in Dänemark

Valur Ingimundarson: Die politischen und kulturellen Beziehungen zwischen der SED und der Isländischen Sozialistischen Partei. 

Hans Otto Frøland: Misstrauen, Abhängigkeit und Entspannung: Norwegen und die deutsche Frage 1945–1973

Olivia Griese: Ein Prüfstein für die Neutralität: Finnland und die beiden deutschen Staaten. Der schwierige Umgang mit einer Politik der Gleichbehandlung

Andreas Linderoth: Die Außenpolitik der DDR gegenüber Schweden 1954–1972: ein Kampf um Anerkennung

Alexander Muschik: Hammer, Zirkel, Ährenkranz – Die DDR-Symbole als Gegenstand deutsch-deutscher Auseinandersetzungen in Schweden  

Tilo Herrmann: Bellerophon und Sisyphus – zwei Abgesandte der SED. Die schwedische Rezeption von bildender Kunst aus der DDR (1967–1976)

Nils Abraham: Nicht nur Grammatik – Zur Fortbildung schwedischer Deutschlehrer durch die DDR im Rahmen der Public Diplomacy gegenüber Schweden nach 1972

Charlotta Brylla: Sozialistische Utopie oder bedrohlicher Oststaat? Darstellungen der DDR im schwedischen öffentlichen Diskurs 1961–1989

Jan Hecker-Stampehl: Bibliografie der Forschungsliteratur zu den deutsch-deutsch-nordeuropäischen Beziehungen im Kalten Krieg

Textauszug | Vorwort

In der Forschungsliteratur der letzten Jahre ist das Verhältnis der beiden deutschen Staaten zu den nordischen Ländern im Kalten Krieg zunehmend stärker beachtet worden. In der öffentlichen Diskussion über die deutsche Teilung hingegen – zumindest in Deutschland – steht dieses Thema bis heute nicht im Fokus. Im Gegensatz zur innerdeutschen Problematik scheint das Feld der Außenpolitik nicht die gleiche Relevanz zu haben, allzumal, wenn es sich bei Nordeuropa scheinbar um eine randständige Region zu handeln scheint. Doch zeigt ein genauerer Blick, das dem nicht so ist: Der Norden Europas lag ebenso wie das geteilte Deutschland an einer Nahtstelle des Kalten Krieges. So klein und machtpolitisch wenig bedeutend die nordischen Länder waren, so deutlich wurden anhand der Beziehungen zu Nordeuropa die zentralen Probleme des deutsch-deutschen Verhältnisses. Auf der anderen Seite konnte das Verhältnis zum geteilten Deutschland sogar starken Einfluss auf die Prämissen der eigenen Außenpolitik ausüben, wie dies im Fall Finnlands, das als einziges nordisches Land bis 1973 keinen der beiden deutschen Staaten anerkannte, besonders deutlich wird (alle anderen Länder Nordeuropas hatten diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik, erst ab 1972/73 auch zur DDR).

Die Debatte über die deutsch-deutsche Teilungsgeschichte ist bis heute von einer starken Fixierung auf die innerdeutschen Zustände geprägt. In der For­schungsliteratur, der journalistischen Publizistik wie auch in der Arbeit der Enquete-Kommission des Bundestags zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur spiegelte sich dies entsprechend wider: Die Themen reichen von der Anatomie des SED-Staats über die Unterwanderung der Bundesrepublik durch die Stasi bis hin zur neuen Deutschlandpolitik Willy Brandts. Der Aufarbeitung dieser Phänomene soll hier nicht die Berechtigung abgesprochen werden. Um zu verstehen, wie die Deutschlandpolitik im Rahmen des internationalen Kontextes zu verorten ist, ist aber auch eine eingehendere Beschäftigung mit der Außenpolitik der beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg unerlässlich. Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland ist im Laufe der letzten Jahrzehnte ein etabliertes Forschungsfeld geworden. Doch beim ostdeutschen Gegenpart gab und gibt es durchaus Defizite, wie Joachim Scholtyseck festgestellt hat: »Die auswärtige Politik der DDR ist von der Historiografie nach 1990 zunächst eher stiefmütterlich behandelt worden.«

Die Autoren

Dr. des. Nils Abraham ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag.

Dr. Charlotta Brylla ist Linguistin an der Hochschule Södertörn und 2007–2008 mit einem Stipendium des Jubiläumsfonds der Schwedischen Reichsbank als Gastforscherin am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.

Dr. Hans Otto Frøland ist Professor für Europäische Zeitgeschichte an der Norwegischen Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Trondheim.

Dr. Olivia Griese ist Historikerin und Koordinatorin der Virtuellen Fach­bibliothek Osteuropa an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Jan Hecker-Stampehl, M.A. ist Historiker und Skandinavist und arbeitet als wis­sen­schaftlicher Mitarbeiter für nordeuropäische Geschichte am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin.

Tilo Herrmann, M.A. ist Historiker und Skandinavist in Berlin und bereitet derzeit eine Dissertation über den internen Entnazifizierungsprozess däni­scher und norwegischer Berufsverbände nach 1945 vor.

Dr. Valur Ingimundarson ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Islands in Reykjavík.

PD Dr. Michael F. Scholz ist Hochschuldozent für Geschichte und Direktor des Historischen Instituts an der Hochschule Gotland in Visby.

Dr. Karl-Christian Lammers ist Professor für Deutsche und Westeuropäische Zeitgeschichte an der Universität Kopenhagen.

Dr. Andreas Linderoth ist Historiker und arbeitet als Lehrer in Südschweden.

Dr. Alexander Muschik ist Historiker und arbeitet als Gymnasiallehrer in Schleswig-Holstein.

Dr. Thomas Wegener Friis ist Historiker und Forschungsassistent am Institut für Geschichte, Kultur und Gesellschaftskunde an der Süddänischen Universität in Odense.

Rezension

Der vorliegende Band geht zurück auf eine Vortragsreihe am Nordeuropa-Institu der Humboldt-Universität zu Berlin im Sommersemester 2006. Die meisten Beiträge konzentrieren sich auf den Zeitraum  vom Beginn der deutschen Teilung bis zur Anerkennung der DDR 1972/73, da eine quellenbasierte politik- und diplomatiegeschichtliche Forschung bisher nur für diesen Abschnitt möglich ist. Während nämlich DDR-Akten zu großen Teilen frei zugänglich sind, unterliegen die außenpolitischen Archive in Deutschland und Nordeuropa in der Regel einer Sperrfrist von 30 Jahren. [...] Der Schwerpunkt der Nordeuropapolitik der DDR lag zunächst auf Schweden, doch bald wurde Finnland zum ebenso wichtigen Ziel des Werbens um Anerkennung. Insofern scheint es auf den ersten Blick befremdlich, dass Schweden in fünf Beiträgen, Finnland dagegen nur einmal im Mittelpunkt steht. Die ausgezeichnete "Bibliographie der Forschungsliteratur zu den deutsch-deutsch-nordeuropäischen Beziehungen im Kalten Krieg" von Jan-Hecker-Stampehl, die den band abschließt, bietet jedoch eine Erklärung für diese scheinbare Diskrepanz: Über das finnisch-deutsch-deutsche Verhältnis liegen bereits etwa doppelt so viele Untersuchungen vor wie über die Beziehungen Schwedens zu den beiden deutschen Staaten, darunter gleich drei ausführliche Abhandlungen in deutscher Sprache. Das starke Interesse gerade der finnischen Forschunghat seinen Grund nicht zuletzt darin, dass der Umgang mit der deutschen Frage, anders als im Nachbaland Schweden, zugleich ein Teil der innerfinnischen "Vergangenheitsbewältigung" ist.

Gabriele Schrey-Vasara: Heikle Beziehungen / Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen 40 (2008), S. 227-228

Jan Hecker-Stampehl (Hg.)
Nordeuropa und die beiden deutschen Staaten.
Aspekte einer Beziehungsgeschichte im Zeichen des Kalten Krieges

EKF Wissenschaft
Zeitgeschichte 3
240 S. | 22,0 x 14,5 cm
300 g | Paperback
ISBN-10: 3-933816-35-1
ISBN-13: 978-933816-35-1
1. Auflage 2007
35,00 EUR