Agata Paluszek:
Henryk Bereska als Vermittler polnischer Literatur in der DDR (1949-1990)

Ich wurde Fährmann, übertrug kostbare Fracht - polnische Dichtung - ins Deutsche, in die Buchstabenwelt.

Zum Titel:

Henryk Bereska (1926–2005) war einer der herausragendsten Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche. Seine Auswahl der zu übersetzenden Autoren und Texte hatte auf das literarische Klima der DDR und den deutsch-polnischen Dialog großen Einfluss. 

Agata Paluszek legt mit Ihrer fundierten Arbeit die bisher umfassendste Darstellung des Lebens und Wirkens des renommierten Übersetzers vor. Neben einer ausführlichen Biografie wird die praktische Übersetzungsarbeit sowie deren Aufnahme in der ostdeutschen Presse und in den intellektuellen Kreisen der beiden Länder dargestellt. Vervollständigt wird Arbeit durch Erstveröffentlichungen von  Interviews der Autorin mit Henryk Bereska sowie von zahlreichen privaten Fotografien des Übersetzers.

Inhalt

Grußwort von Gilda Bereska

Vorwort von Agata Paluszek

I. Einleitung

1. Vorbemerkung

2. Forschungsbericht

3. Gegenstand der Untersuchung

4. Quellenlage

II. Grundvoraussetzungen der Übersetzungsarbeit Henryk Bereskas

1. Theoretische Vorüberlegungen

1.1 Das literarische Feld

1.2 Habitus

1.3 Das Verhältnis des literarischen Feldes zum politischen Machtfeld

1.4 Fazit

2. Zur Methode der Analyse

3. Biografische Prämissen der kulturellen Arbeit Henryk Bereskas

3.1 Bereskas persönliche Sicht auf die eigene Biografie

3.2 Kindheit in Oberschlesien (1926–1939)

3.3 Der Krieg (1939–1945)

3.4 Flucht aus Polen (1946)

3.5 Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin (1948–1952)

3.6 Begegnung mit Tadeusz Borowski (1949-1950)

4. EXKURS: Die Rahmenbedingungen für die kulturelle Arbeit Bereskas 

in der DDR

5. Kultureller Austausch und politischer Dissens. Bereska in den 

ostdeutschen und polnischen Intellektuellenkreisen (1953–1990)

5.1 Zwischen Literatur und Politik

5.2 „Für mich war Polen der Westen.“ Bereskas Kontakte zu polnischen Intellektuellen

5.3 Die „Gegengesellschaft“. Bereskas kulturelles Engagement 

in der DDR

5.4 Repressionen des Staatssicherheitsdienstes der DDR gegen Bereska

6. Bereskas Zusammenarbeit mit ostdeutschen Verlagen

6.1 Lektoratsarbeit für den Aufbau-Verlag (1953–1955)

6.2 Die Gutachtertätigkeit Henryk Bereskas (1953–1989)

6.2.1 Das Verfassen von Gutachten als Literaturvermittlung?

6.2.2 Der marxistisch-leninistische Diskurs

6.2.3 Moralische Aspekte der Gesellschaftskritik

6.2.4 Der Unterhaltungswert als Veröffentlichungslegitimation

6.2.5 Sprachästhetische Aspekte des Werkes

6.2.6 Argumentation bei Rezeptionsbarrieren

6.3 Polnische Literatur in der Übersetzung Henryk Bereskas. Historische Entwicklungen

6.3.1 Der freischaffende Übersetzer in der DDR als ein „unabhängiger König“

6.3.2 Das polnische klassische Erbe und die Kriegsliteratur als Schwerpunkt der Übersetzungsarbeit Bereskas (1953–1961)

6.3.3 Thematische Facetten der polnischen Gegenwartsliteratur in Bereskas 

Übersetzungen (1962-1971)

6.3.4 Themen- und Formenvielfalt in Bereskas Übersetzungen (1972–1981)

6.3.5 Fortsetzung der thematischen und formalen Schwerpunkte der 1970er Jahre in Bereskas Übersetzungen (1982–1990)

7. Fazit

III. Die Übersetzungskunst Bereskas: Ein Vergleich

1. Theoretische Vorüberlegungen

1.1 Begründung für die Wahl der Methode

1.2 Schichtenstruktur des literarischen Kunstwerkes

1.3 Beschreibung der Schichten

1.4 Probleme bei der Übersetzung

1.5 Ingardens Definition der Übersetzung

1.6 Fazit

2. Zur Methode der Übersetzungsanalyse

3. Jarosław Iwaszkiewicz: Panny z Wilka

3.1 Die Problematik der Verständlichkeit in der Übersetzung

3.2 Analyse der Übersetzung auf Wortebene

3.2.1 Substantiv

3.2.2 Verb

3.2.3 Adjektiv

3.3 Analyse der Übersetzung auf der Ebene der Wortverbindungen

3.3.1 Oxymoron

3.3.2 Hyperbel

3.3.3 Vergleich

3.3.4 Phraseologismen

3.4 Besondere stilistische Erscheinungen

3.4.1 Metapher

3.4.2 Figuren der Wiederholung

3.4.2.1 Anapher

3.4.2.2 Wortwiederholung

3.4.2.3 Polyptoton

3.5 Analyse der Übersetzung auf Satzebene

3.5.1 Syndetische Satzverbindungen

3.5.2 Satzökonomie

3.6 Wiedergabe der typografischen Gestalt des Werkes in der Übersetzung

3.7 Fazit

4. Stanisław Wyspiański: Wesele

4.1 Die Stilisierung der Sprache als Herausforderung für den Übersetzer

4.2 Analyse der Übersetzung auf Wortebene

4.2.1 Substantiv

4.2.2 Verb

4.2.3 Adjektiv

4.3 Analyse der Übersetzung auf der Ebene der Wortverbindungen

4.3.1 Epitheton

4.3.2 Hyperbel

4.3.3 Vergleich

4.3.4 Phraseologismen

4.4 Besondere stilistische Erscheinungen

4.4.1 Metapher

4.4.2 Personifikation

4.4.3 Figuren der Wiederholung

4.4.3.1 Anapher

4.4.3.2 Wortwiederholung

4.4.3.3 Polyptoton

4.4.4 Lautharmonie

4.4.5 Alliteration

4.5 Analyse der Übersetzung auf Satzebene

4.5.1 Syndetische Satzverbindungen

4.5.1.1 Asyndeton

4.5.1.2 Polysyndeton

4.5.2 Reim und Rhythmus

4.5.3 Enjambement

4.6 Wiedergabe der typografischen Gestalt des Werkes in der Übersetzung

4.7 Fazit

IV. Zur Rezeption der Übersetzungen Henryk Bereskas in der DDR

1. Theoretische Vorüberlegungen

1.1 Zum Verständnis von Literaturkritik

1.2 Rezeption und Interpretation in der empirischen Rezeptionsforschung

1.2.1 Subjekt-Objekt-Trennung

1.2.2 Rezeption

1.2.3 Interpretation

1.3 Fazit

2. Zur Methode der Analyse

3. Aufnahme polnischer Literatur in der Übersetzung Henryk Bereskas durch die DDR-Literaturkritik

3.1 Rezeptionsphasen

3.2 Die Presse

3.2.1 Die Besprechungen in Zeitungen und Zeitschriften

3.2.2 Die Literaturkritiker

3.3 Inhaltliche Schwerpunkte der Rezeption

3.3.1 Die Präsenz verschiedener Genres in den Literaturkritiken

3.3.2 Auswahlkriterien für die Besprechung

4. Bereskas Präsenz in der Literaturkritik

5. Fazit

V. Resümee

VI. Anhang

A. Die Aufnahme der Übersetzungen Henryk Bereskas durch die DDR-Literaturkritik. Tabellarische Aufstellung

B. Henryk Bereskas Auszeichnungen

C. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Ungedruckte Quellen

1.1 Archivalien

1.2 Dokumente im Besitz von Privatpersonen

2. Gedruckte Quellen

2.1 Verzeichnis der Übersetzungen Henryk Bereskas

2.1.1 Übersetzungen aus der polnischen Literatur

2.1.2 Übersetzungen aus anderen Literaturen

2.1.3 Übersetzungen nicht-literarischer Texte

2.2 Publizistische Texte Henryk Bereskas

2.3 Aphoristisches Werk Henryk Bereskas (Auswahlbibliografie)

2.3.1 Texte in deutscher Sprache

2.3.2 Texte in polnischer Übersetzung

2.4 Lyrisches Werk Henryk Bereskas (Auswahlbibliografie)

2.4.1 Gedichte in deutscher Sprache

2.4.2 Gedichte in polnischer Übersetzung

2.4.3 Gedichte in anderen Übersetzungen

2.5 Film, Rundfunk- und Presseinterviews mit Henryk Bereska

2.6 DDR-Rezensionen zu Bereskas Übersetzungen

2.7 Verzeichnis der verwendeten Literatur

D. Interviews mit Henryk Bereska

1. Interview am 5. Dezember 2000 in Berlin

2. Interview am 19. Januar 2001 in Berlin

3. Interview am 5. November 2001 in Berlin

4. Interview am 3. Juli 2002 in Beeskow

5. Interview am 24. Februar 2003 in Berlin

Personenregister

Rezension

Sicher ist es kein alltäglicher Vorgang und keineswegs unproblematisch, wenn der Untersuchungsgegenstand einer Dissertation, in diesem Fall der Übersetzer Henryk Bereska (1926 - 2005), unmittelbar an der Ausarbeitung der Monographie über sich selbst teilnimmt. Die Vorteile dieses Vorgehens liegen auf der Hand. Viele Fragen der Biographie lassen sich so unmittelbar klären und müssen nicht aufgrund von mühsamen Archivstudien rekonstruiert werden. Exemplarisch dokumentieren das die mit Bereska in den Jahren 2000 bis 2003 in Berlin geführten Interviews, die im Anhang abgedruckt sind (S. 441 - 468). Den eigentlichen Kern der Arbeit bilden jedoch die drei Kapitel II. Grundvoraussetzungen der Übersetzungsarbeit Henryk Bereskas (S. 35 b- 183), III. Die Übersetzungskunst Bereskas: ein Vergleich (S. 185 - 308) und IV. Zur Rezeption der Übersetzungen Henryk Bereskas in der DDR (S. 309 - 346). Darauf folgen ein kurzes Resümee, zahlreiche Fotos von Bereska und seiner Familie sowie der mehrteilige Anhang. Letzterer umfaßt eine Aufstellung der Übersetzungen mit Hinweisen auf das jeweilige Echo in der DDR-Literaturkritik, eine Liste der Auszeichnungen, ein überaus ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 376 - 439) sowie fünf Interviews mit dem Übersetzer und Schriftsteller. 

Mit dem „Fährmann“, wie sich der Vermittler und Übersetzer polnischer Literatur in der DDR gerne selbst bezeichnete, hat sich die Doktorandin aus Breslau, eine bedeutende Gestalt der deutsch-polnischen Kulturkontaktes ausgewählt, die freilich kaum in den Vordergrund trat, sondern eher im Hintergrund oder teilweise sogar im Untergrund wirkte. Denn trotz der offiziell viel beschworenen Völkerfreundschaft war das Verhältnis zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen immer heikel und vor allem auf der Ebene der Kulturkontakte oft von Mißtrauen geprägt. Einer, der den Kampf mit den unsichtbaren Hindernissen aufnahm und insbesondere den kritischen Stimmen Polens in Übersetzungen und mit Lesungen ein Podium bot, war der Oberschlesier aus Kattowitz. Seine aus der Heimat ererbte Bikulturalität war eine wichtige Voraussetzung für sein späteres Wirken. Der Weg von dort bis nach Ost-Berlin, von der Schule in Kattowitz über das Studium in Ost-Berlin bis in das Lektorat des Aufbau-Verlags und seine Tätigkeit als Übersetzer, werden ausführlich im II. Kapitel dargestellt. Der nicht mit den Realia der DDR vertraute Leser aus dem Westen, erfährt hier viel über den Alltag eines kritischen Geistes, der immer neu die Grenze austesten mußte, bis zu der er gehen konnte. Wie er dabei ins Visier der Stasi geriet und von IMs ausspioniert wurde, zeigt der Blick in die Akten der Gauckbehörde. Die Folge waren Reisebeschränkungen und fast schon konspirative Treffen mit den Schriftstellerkollegen aus Polen und der DDR. Dennoch konnte er durch eine gezielte Auswahl von Autoren und Texten für die Übersetzung bis zu einem gewissen Grade den Kulturaustausch zwischen beiden Ländern lenken.

Auf das ausführliche und zeitgeschichtlich überaus interessante biographische Kapitel folgt die literarische Analyse von Bereskas Übersetzungen, wobei für den Vergleich die Versuche anderer Autoren herangezogen werden. Die theoretisch gründlich abgesicherte Untersuchung läßt erkennen, daß Bereska vor allem in der Lyrik eher zur Nachdichtung als zur direkten Übersetzung neigte. Damit verzichtete er auf einen Teil der „Fremdheitsphänomene“ (S. 307), die von anderen Übersetzern hingegen oft bewahrt werden. Das letzte und vom Umfang her kleinste Kapitel ist der Rezeption der von Bereska übersetzten polnischen Texte durch die DDR-Literaturkritik gewidmet. Hier konturieren sich deutlich die ideologischen Prämissen für die offizielle Rezeption polnischer Literatur in der DDR, zu der ihre Aufnahme in den Dissidentenkreisen einen Kontrast bildet. Allerdings teilt Bereska selbst das Schicksal der meisten Übersetzer, die trotz ihrer großen Verdienste für den Kulturaustausch dem durchschnittlichen Leser unbekannt bleiben (S. 349). Wenn seine Verdienste gewürdigt wurden, dann überwiegend von polnischer Seite, wie der Blick auf die ihm zuteil gewordenen Ehrungen dokumentiert (S. 375). Die damalige Bundesrepublik, die in der Untersuchung ausgespart wird, profitierte übrigens auch von Bereskas Übersetzungen, weil man auf sie zurückgreifen konnte bzw. sogar mußte, da dort der Kreis der aus dem Polnischen übersetzten Werke wesentlich kleiner war.

Die Bielefelder Dissertation erhellt einige Besonderheiten der komplizierten Beziehungen zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen im Bereich der Kultur. Die in Polen häufig offen ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten zwischen den herrschenden Kommunisten und den kritischen Intellektuellen wurden in der DDR natürlich aufmerksam verfolgt. Wie Bereska mit seinen Übersetzungen und der Pflege privater Kontakte am Zustandekommen des fruchtbaren Dialogs mitwirkte, enthüllt die vorliegende Arbeit in eindrucksvoller und überzeugender Weise.

Klaus Steinke (Informationsmittel (IFB) : digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft ifb.bsz-bw.de)

Agata Paluszek
Henryk Bereska als Vermittler polnischer Literatur in der DDR (1949-1990)

Literaturwissenschaft Bd. 4 (Polonistik)
474 S. | 22,5 x 15,5 cm
880 g | zahlreiche farbige Fotografien | Festeinband Leinen mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-933816-37-5
1. Auflage 2007 | 49,00 EUR