Christiane Barz:
Weltflucht und Lebensglaube

Aspekte der Dekadenz in der skandinavischen und deutschen Literatur der Moderne um 1900

Zum Titel

Die Moderne um 1900 markiert eine Schwellenzeit, in der sich die kritische Bilanzierung der Innovationsepoche mit einer Suche nach weltanschaulicher Erneuerung verbindet. In diesem Kontext entstehen im deutschen und skandinavischen Sprachraum vier signifikante Erzähltexte (von Ola Hansson, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke und Sigbjørn Obstfelder), die neue Möglichkeiten finden, um unter den Diskontinuitätsbedingungen der Moderne die Größen Ganzheit, Kontinuität und Sinn ästhetisch zu rekonstruieren.

Inhalt

Einleitung

Grundlagen

I. Die kulturelle Moderne
1. Der Begriff der Moderne
2. Modernekritik
3. Diagnose der Moderne – Die Einheit der Wechselwirkungen
4. Historische Diskontinuität und Krisenbewußtsein
5. Kompensation
6. Individualismus und aristokratisches Ideal
7. Rationalismuskritik
8. Jahrhundert der Naturwissenschaft: Entzauberung und Fiktionalisierung der Welt
9. Die monistische Antwort
10. Die lebensphilosophische Antwort
11. Der Monomythos Fortschritt und die Aktualität mythischen Denkens
12. Das Ästhetische
13. Fazit

II. Dekadenz: Weltflucht und Lebensglaube
1. Ambivalente Dekadenz
2. Der Begriff: der degenerative Aspekt und seine Umwertung
3. Lebensglaube: die regenerative Komponente der Dekadenz
4. Die Einheit von Weltflucht und Lebensglaube in der Dekadenz
5. Neubestimmung von Kunst und Leben
6. Fazit

ANALYSEN

III. Der Flaneur des Lebens
Ola Hansson: Sensitiva amorosa (1887)

IV. Die Unentrinnbarkeit des Lebens
Hugo von Hofmannsthal: Das Märchen der 672. Nacht (1895)

V. Heimkehr in sich selbst und heiliges Leben
Rainer Maria Rilke: Ewald Tragy (1898)

VI. Das Mysterium des modernen Lebens
Sigbjørn Obstfelder: En præsts dagbog (1900)

VII. Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis

Textauszug | Einleitung

»Kunst als Leben, als durch die Form bezwungene, befreite und befreiende Erkenntnis des Lebens … sie bewahrt seelische Möglichkeiten, die ohne sie – vielleicht – aussterben würden.«
Thomas Mann

Die Jahrhundertwende um 1900 markiert eine Schwellenzeit. Ein Jahrhundert neigte sich dem Ende zu, das mit dem Aufschwung der Naturwissenschaft, Technik und Industrie einen beispiellosen Moderni-sierungsschub erlebt hatte. Im Ausblick auf ein neues Jahrhundert verbinden sich bilanzierende Rückschau und Erwartungen an eine neue Epoche. In der Zeitenwende mischten sich Stolz auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation mit Skepsis und Widerstand gegen die Beschleunigung und Fragmentierung, die die moderne Entwicklung in allen Bereichen des Lebens mit sich brachte.

In der Weltausstellung, die 1900 in Paris stattfand, ist von diesem ambivalenten Bewußtsein nichts zu spüren, hier wird ungebrochen der Triumph des zivilisatorischen Fortschritts gefeiert. Das Unbehagen am historischen Pensum, der Zweifel an der  Auffassung, »daß technische Fortschritte ohne weiteres als Kulturfortschritte geschätzt werden« (Simmel)[1], hat seinen Ort in der Dichtung der Zeit. Das Jahrzehnt vor 1900 ist eine kreative Phase in der Literatur. Hier verbindet sich die kritische Reflexion der auslaufenden Innovationsepoche, die Bilanzierung der Verluste und Defizite, mit der Suche nach einer weltanschaulichen Neuorientierung. Kritische Bilanz der Modernisierung und das gegenläufige Bedürfnis nach Lebenserneuerung und neuen Weltdeutungsmustern überlagern sich in der Literatur, die damit die Ambivalenzen der Zeit reflektiert. Nach einer Bestandsaufnahme der antagonistischen Tendenzen in der Moderne und ihrer Spiegelung in der Weltanschauung und Kunstauffassung der Dekadenz geht es daher im zweiten Teil dieser Arbeit um poetische Texte aus den letzten Jahren vor 1900, die lebendiger Ausdruck eines ambivalenten Zeitbewußtseins sind, das vielfach erst nach 1900 theoretisch formuliert wird (z. B. durch Georg Simmel).  

[1] Simmel: Die Krisis der Kultur (1916), Gesamtausgabe Bd. 16, S. 39.

Rezension

Christiane Barz untersucht in ihrer Dissertation neben zwei deutschsprachigen Erzählungen von Hofmannsthal und Rilke auch zwei Erzählungen aus dem skandinavischen Sprachraum von Ola Hansson und Sigbjørn Obstfelder als exemplarisch für die literarische Moderne um 1900. Die innerliterarische Reflexion des „Weltverhältnisses der Dekadenz in seiner Ambivalenz von weltflüchtigem Rückzug in die eigene Innerlichkeit und visionärer Entgrenzung im Rahmen einer neuen Lebensbejahung“ (S. 421) bildet den Schwerpunkt der Untersuchung. 

Die Autorin beginnt mit einem ausführlichen und differenzierten Überblick über die ‚kulturelle Moderne’ der Schwellenzeit um 1900, in dem auch gegenläufige Tendenzen berücksichtigt werden. Vor allem werden die Moderne- und Rationalismuskritik, der Monismus und die Lebensphilosophie hervorgehoben. Der Begriff der ‚Dekadenz’ wird gefaßt als eine Form der Modernekritik zwischen ‚Weltflucht und Lebensglaube’ (S. 105-149). „Die ästhetische Moderne kompensiert die rationalistische Entzauberung und bewahrt das Prinzip der Erfahrung als Medium der Weltaneignung gegenüber der entsinnlichten und sinnfernen positivistischen Welterklärung unter dem Primat der Fortschrittsorientierung“ (S. 102). Statt der Bezeichnung ‚Antimoderne’ wird von Barz die einer ,ästhetischen Moderne' vorgezogen (S. 89), die zu einer ,Neubestimmung von Kunst und Leben' (S. 133-140) führe. Die polare Spannung zwischen Orientierungszerfall und der Suche nach Kontinuitätsmodellen, zwischen „Sinnverlust und neuer Sinnsuche“ (S. 421) bestimme „länderübergreifen[d]“ (S. 428) die im folgenden analysierten Erzählungen.<br />Im Hauptteil ihrer Arbeit zeigt Christiane Barz, wie die vier Erzählungen das ambivalente Verhältnis der literarischen Dekadenz zwischen Weltflucht und Lebensbejahung ästhetisch gestalten und nach einer ‚Lösung’ dieser Spaltung suchen.

In Ola Hanssons Sensitiva amorosa wird ein Rückzug aus der Welt in eine ästhetisch-kontemplative Haltung geschildert. Aus solcher Distanz heraus, die eine hermeneutische Funktion erhält, wird versucht, „das Leben [...] zu enträtseln“ (S. 422). ,Welt' werde auf diese Weise wieder als ein „Absolutum“ (S. 423) erfahrbar. Ziel der Wechselwirkung von Distanzierung und Welterklärung ist in Hanssons Erzählung eine neue Initiation in das Leben (S. 423).

Hugo von Hofmannsthals Das Märchen aus der 672. Nacht zeigt dagegen weniger eine Lösung der Spannung zwischen den beiden Polen von Weltflucht und ästhetischer Integrationssuche, sondern stellt die Krise des isolierten, subjektiv ästhetischen Erlebens auf ihrem Höhepunkt dar. Wenn es auch hier die ästhetische Entgrenzung ist, die es erst wieder ermöglicht, die Welt wahrzunehmen und das Subjekt zu integrieren (S. 423), findet doch erst in Rainer Maria Rilkes Erzählung Ewald Tragy die Zuspitzung des polaren Verhältnisses von Weltflucht und Lebensbejahung in der „ästhetische[n] Selbsterlösung des Künstlers“ (S. 424) ihre Lösung. Aus der „Fremdheit des Subjekts“ in der Welt entsteht ein „[H]eimkehren in sich selbst“ (S. 301). Distanz und Entgrenzung wirken im Künstler Tragy zusammen. Zentral ist das von ihm errungene „ästhetische Zentrumsgefühl“, aus dem heraus Weltwahrnehmung neu möglich wird.

Sigbjørn Obstfelders stark zivilisationskritisch geprägte Erzählung En praests dabog zeigt die Möglichkeit, das Leiden an der modernen Gegenwart durch ,,erfahrungsgebunden[e] Weltgewißheit" zu ersetzen (S. 425). Weltdeutungsmodelle werden hier aus der konkreten Wirklichkeit gewonnen und ästhetisch fruchtbar gemacht. Die Erzählung zeigt die ,Lösung' als einen nicht abschließbaren, immer neu zu leistenden Prozeß wechselseitiger Einflußnahme von Distanzierung und Teilnahme, Wirklichkeitserfahrung und ästhetischer Deutungsarbeit.

Alle vier Erzählungen leisten einen „individuellen Beitrag zum Profil“ der literarischen Moderne (S. 428), zur „Neubestimmung von Kunst und Leben“ (S. 133-141). Literatur soll in ihnen eine „sinnstiftende hermeneutische“ - hier also welterschließende, welterklärende - „Funktion“ (S. 429) erhalten. Kunst werde so als ein Medium des Bedürfnisses nach „Orientierung und Sinn“ in einer als fremd und inkommensurabel und unzugänglich empfundenen Moderne nutzbar gemacht (S. 429).

Mit Hansson und Obstfelder entscheidet sich Barz für zwei skandinavische Autoren, die um die Jahrhundertwende in Deutschland und vor allem in Österreich mit ihrem Werk auf mehr Resonanz stießen als in ihrer Heimat. Beide können als einflußreich für die zeitgenössische deutschsprachige Literatur gelten. So nahm Hansson nachweislich Einfluß auf das Junge Wien und insbesondere Hofmannsthal (S. 147f.), während Obstfelder vor allem durch Rilkes Rezeption, nicht zuletzt im Malte Laurids Brigge, zu einer populären Gestalt wurde (S. 313f). Angesichts solcher Rezeptionsverhältnisse stellt sich die von Barz getroffene Auswahl der vier Erzählungen als äußerst sinnvoll dar, da so wechselseitige Bezugnahmen sich erhellen lassen. Obstfelders Mitarbeit an Stefan Georges Blättern für die Kunst wird zwar teils angenommen, läßt sich aber nicht belegen (S. 313). Dennoch ist „eine Kunstauffassung, die davon ausgeht, daß ,Leben' erst im Medium der Kunst erfahrbar ist und dies allein durch eine Asthetisierung der Form geschehen kann“ (Gregor Streim, Das ,Leben' in der Kunst, 1996), ein zentraler Gedanke auch für die ästhetische Reflexion Georges und seines Kreises.

(Christian Oestersandfort in: W. Braungart, U. Oelmann: George Jahrbuch. Band 6, Tübingen 2006/2007, S. 198-200)

Christiane Barz:
Weltflucht und Lebensglaube.
Aspekte der Dekadenz in der skandinavischen Literatur der Moderne um 1900

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