Carl Fehrman:
Literaturgeschichte in europäischer Perspektive

Von Komparatistik bis Kanon

Zum Titel

Das vorliegende Buch erschien unter dem Titel Literaturhistorien i Europaperspektiv. Från Komparatism till Kanon in der Schriftreihe Absalon der Universität Lund im Jahre 1999. Carl Fehrman folgt in ihm der Geschichte der vergleichenden Literaturwissenschaft in Skandinavien, Frankreich, Amerika und Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. Die deutsche Übersetzung von Simon Stuhler richtet sich an Studenten und Wissenschaftler der Komparatistik und der Nationalphilologien. Sie ist als Einführung in eine wechselvolle, von Kontinuitäten und Diskontinuitäten geprägte Geschichte zu verstehen. 

Der Band dürfte daneben auch für die Wissenschaftgeschichte der Germanistik und Romanistik relevant sein, die in den vergangenen Jahren ein verstärktes Interesse gefunden hat. Er stellt kein komparatistisches Dogma auf, sondern befragt die historischen Prozesse. Die Bewegungen und Verschiebungen des Faches werden aufgespürt, Akteure, Ereignisse, Hintergründe in einem ausgewogenen Verhältnis präsentiert. Fehrmans Darstellung ist an der Entwicklung des Methodonrepertoires und des Begriffsinstrumentariums der Komparatistik interessiert. Es ergeben sich komplexe Schnitte durch eine mehr als hundertjährige Wissenschaftskultur. Die Forschungsergebnisse sind sorgfältig recherchiert und ohne Einschränkungen auf dem aktuellen Stand. 

Literaturgeschichte in Europäischer Perspektive macht Erinnerungslücken der Komparatistik in Deutschland sichtbar, die auch wissenschaftsgeschichtlich kaum aufgearbeitet sind.

Inhalt

Vorwort
Die Literaturgeschichte im europäischen Haus – die Entstehung der vergleichenden Literaturwissenschaft
Vorspiel auf der deutschen literaturhistorischen Bühne
Georg Brandes – ›ein guter Europäer‹
›The French Hour‹
Der Historikerkongreß in Paris im Jahre 1900
Brandes’ Kopenhagen als Treffpunkt für Komparatisten
Die Geisteswissenschaften an der Sorbonne um die Jahrhundertwende
Die Kritik an Lanson und seiner Schule
Der Siegeszug der französischen Komparatistik
Der Methodenstreit und die Metaphern
›The American Hour‹
Von Komparatistik bis Kanon
Nachwort
Bibliographische Übersicht

Textauszug | Vorwort

Einer der regelmäßig wiederkehrenden internationalen Literaturforschungskongresse wurde im Jahre 1964 in Freiburg in der Schweiz abgehalten. Das übergreifende Thema war der Nationalismus und der Kosmopolitismus in der Literatur und in der Literaturwissenschaft. Einer der Vortragenden forderte eine gründliche und eingehende historische Übersicht dessen, was zu diesem Zeitpunkt auf dem Gebiet ›comparative literature‹ geleistet worden war, demjenigen Wissenschaftszweig, der Literatur in internationaler Perspektive und quer über Landes- und Sprachgrenzen hinweg studiert. Eine solche Übersicht, entstanden durch die Zusammenarbeit zwischen literarischen Institutionen in verschiedenen Ländern, sollte seiner Meinung nach unter der Regie der UNESCO zustande kommen.

Das Projekt wurde niemals in dieser Form verwirklicht. Was auf den folgenden Seiten geboten wird, ist der Versuch, einige Etappen in der Geschichte der Komparatistik zu skizzieren, wobei das Gewicht auf Beiträge derjenigen Länder gelegt wird, die eine Hauptrolle gespielt haben: Frankreich, Deutschland, Dänemark und die Vereinigten Staaten. 

In der heutigen Diskussion gehört die ›klassische‹ Komparatistik nicht zu den Richtungen, die im Zentrum des Interesses stehen. Man könnte diese Studie deshalb mit gewissem Recht als den Nekrolog eines Paradigmas bezeichnen. Es sollte nicht verneint werden, daß eine vergleichende Methode, wenn sie mechanisch angewendet wird, sich leicht in ihre eigene Karrikatur verwandelt.

Dennoch kann damit nicht jegliche vergleichende Literaturforschung als abgeschlossenes Kapitel betrachtet werden. Sie überlebt in neuen Formen, in neuen Begriffen und unter weiterer Perspektive. Im Bernheimer Report (in Comparative Literature in the Age of Multiculturalism, 1995) heißt es: »Given that our object of study has never had the kind of fixity which is determined by national boundaries and linguistic usage, comparative literature is no stranger to the need to redefinite itself. The present moment is particularly propitious for such a review, since progressive tendencies in literary studies, toward a multicultural, global and interdisciplinary curriculum, are comparative in nature.«

Der Autor

Carl Fehrman (geb. 1915) war von 1958 bis 1980 Professor für Literaturgeschichte und Poetik an der Universität Lund. Neben frühen Arbeiten zur Romantik (Ruinernas romantik, 1958) hat er zum skandinavischen Barock und zur Aufklärungszeit geforscht. Carl Fehrman hat Bücher zur Wissenschaftsgeschichte und zur Geschichte der Ästhetik in Schweden geschrieben und dabei stets eine internationale Perspektive angelegt. Neben einer Monographie des schwedischen Klassikers Carl Michael Bellman und einer umfangreichen Geschichte der Universität Lund steht in den 1990er Jahren seine Wissenschaftsgeschichte der Komparatistik. Sie wurde unter dem Titel Du repli sur soi au cosmopolitisme. Essai sur la genèse et l’evolution de l’histoire comparée de la literature (2003) ins Französische übersetzt. Ins Englische übersetzt wurden u.a. Poetic creation – Inspiration or Craft? (1974) und Lund and Learning – An informal History of Lund University (1995). 

Carl Fehrman:
Literaturgeschichte in europäischer Perspektive.
Von Komparatistik bis Kanon

Aus dem Schwedischen von Simon Stuhler
Originalausgabe: Literaturhistorien i Europaperspektiv. Från Komparatism till Kanon [Lund 1999]

Literaturwissenschaft Bd. 3
194 S. | 18,0 x 12,0 cm
250 g | Paperback
ISBN-10: 3-933816-25-4
ISBN-13: 978-933816-25-2
1. Auflage 2004
19,00 EUR