Jan-Gunnar Franke, Konstantinos Kosmas (Hrsg.):

Kleine Sprachen - große Literaturen

Die Anthologie 2011

11 Autoren aus 9 Ländern in Erstübersetzung

Zum Titel

Elf Autorinnen und Autoren aus neun europäischen Ländern, deren Sprachräume nicht dem europäischen Sprachkanon angelsächsischer und romanischer Literaturen angehören. Zeitgenössische Literatur aus in Deutschland selten gelesenen Sprachen, die jedoch keinesfalls minder interessant sind. Daher auch der Titel Kleine Sprachen – große Literaturen.

Diese Texte sind eine Leseprobe für Menschen, die aus Passion oder Profession europäische Literatur lesen oder gelesen haben möchten. Und gleichzeitig ein Beispiel europäischer (Kultur-)Zusammenarbeit: Unter dem Titel Kleine Sprachen – große Literaturen läuft seit 2003 eine Lesungsreihe auf der Leipziger Buchmesse und erscheint in diesem Jahr erstmals auch diese literarische Anthologie, die durch die Kulturvertretungen europäischer Länder in Deutschland ermöglicht wurde.

Inhalt

Gabriela Adameşteanu: Die Begegnung

(Rumänien, 2003, Auszug)

Übersetzung: Eva Ruth Wemme

Radu Aldulescu: Jerusalems Propheten

(Rumänien, 2009, Auszug)

Übersetzung: Eva Ruth Wemme

Ivaila Alexandrova: Heißes Rot

(Bulgarien, 2008, Auszug)

Übersetzung: Penka Angelova

Lena Divani: Ein hungriger Mund

(Griechenland, 2010, Auszug)

Übersetzung: Birgit Hildebrand

Nada Gašić: Ruhige Straße, Baumallee

(Kroatien, 2007, Auszug)

Roland Harsch: Texte

(Luxemburg, Auszüge, Original Deutsch)

Peter Krištúfek: Die Hand

(Slowakei, 2009, Auszug aus: Außerhalb der Zeit)

Übersetzung: Slávka Rude-Porubská

Marios Michaelides: Der Wächter des Beinhauses

(Zypern, 2007, Auszug)

Übersetzung: Michaela Prinzinger

Aimilios Solomou: Ein Beil in Deiner Hand

(Zypern, 2007, Auszug)

Übersetzung: Michaela Prinzinger

Krisztina Tóth: Federmäppchen

(Ungarn, 2006, Auszug aus: Strichcode [deutsch unveröffentlicht])

Übersetzung: Ernő Zeltner

Zoran Živkovic: Die fünf Wunder der Donau

(Serbien, 2011, Auszug)

Übersetzung: Arno Wonisch

Textauszug | Vorwort

Zugegeben: der Titel ist provokant anspruchsvoll, für Erwartungen an die Inhalte ebenso wie an deren Rezeption. Doch unsere Marke Kleine Sprachen – große Literaturen spiegelt tatsächlich eine Realität wieder: Die Lust der Macher und Beteiligten, in all den Jahren, in denen diese Initiative stattgefunden hat.

Das Projekt läuft seit 2003, immer in Leipzig, auf der Buchmesse und mit deren Unterstützung, sowie in Berlin, in der Literaturwerkstatt. Acht Jahre lang sind einige Dutzend Autorinnen und Autoren aus den verschiedensten Ländern Europas nach Leipzig gekommen: Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Irland, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern sowie das spanische Baskenland und Galizien als auch der schweizerische rätoromanische Sprachraum sind Kooperationspartner der letzten Jahre. Der rote Faden: Europäische Literaturen außerhalb der mainstream-Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch.

Die diesjährige Leipziger Buchmesse markiert nun einen Neuanfang: ab 2011 werden die Texte der teilnehmenden Autorinnen und Autoren in einer Anthologie festgehalten, als jährliche Dokumentation, aber auch als Leseprobe für Menschen, die aus Passion oder Profession die breite europäische Literatur lesen oder gelesen haben möchten.

Die Entstehung dieses ersten Bandes ermöglichten die Kultur- bzw. Literaturvertretungen von Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Luxemburg, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Ungarn und Zypern (mehr dazu ab S. 93), die auch die Auswahl der Autorinnen und Autoren trafen. Einige thematische Zusammenhänge lassen sich jedoch herstellen:

Die Rumänen Gabriela Adameşteanu und Radu Aldulescu sowie Ivaila Alexandrova aus Bulgarien setzen sich mit dem kommunistischen Regime und seinem Erbe auseinander, mit Aspekten der Gegenwartsbewältigung, den Darstellungsmöglichkeiten sowie mit den aktuellen Auswirkungen der jüngsten Vergangenheit.

Alle drei bedienen sich einer realistischen Erzählart, doch während Adameşteanu die literarische Distanz durch eine persönliche Geschichte wählt, loten Aldulescu und Alexandrova die Möglichkeiten eines direkten Realismus aus; vor allem letztere, die einen schon preisgekrönten Dokumentarroman über eines der ersten Massenverbrechen des Regimes in Bulgarien verfasste.

Nada Gašić und Lena Divani interessieren sich wiederum für die Pathologie der Gegenwart in Kroatien und Griechenland. Die Ermittlerin (sowie der Ermittler, der später an ihrer Stelle tritt) in Gašićs Kriminalroman, der im heutigen Zagreb spielt, untersucht eigentlich keine Morde, sondern im Grunde die Ursachen für kroatische Missstände.

Divani schrieb einen im heutigen Athen inszenierten, subtil psychologischen Thriller: Korruption und Größenwahn, ungleich verteilte Chancen und Mittel, Eitelkeit, Hochstapelei und Verzweiflung vermischen sich mit dem menschlichen Verlangen nach Zuneigung und Anerkennung und ergeben einen filmreifen, spannenden Stoff, der lange und fest in der Bestellerliste Griechenlands verankert bleibt.

Filmisch geprägt sind auch die Texte von Peter Krištúfek. Bildercollagen, Szenenschnitt und überhaupt ein deutlich erkennbarer Kamerablick – Kristufek beschäftigt sich als Regisseur zzt. tatsächlich mit Film – zeigen in seinen Erzählungen ein Aufeinanderprallen vom Schräg-Absurden mit dem normalen, alltäglichen Leben; bizzare Hobbys, absurde bis brutale Szenerien und seltsame Passionen koexistieren in einer verblüffenden Weise mit dem Selbstverständlichen.

Die Griechisch-zyprer Marios Michaelides und Aimilios Solomou sowie der Luxemburger Roland Harsch verfassen parodistische, stark sprachreflektive Texte; doch während Harschs’ Interessen hauptsächlich die literarische Selbstreferenz anspielen, zielen die beiden Zyprer auf die Dekonstruktion gesellschaftlicher sowie literarischer Gewohnheiten und Konventionen.

Die Kurzgeschichten von Krisztina Tóth bewegen sich in einem anderen Klima, in einem Raum der Kindheitsreflexionen, der Traumverarbeitung, der Fragen über das Gedächtnis und das Konstruieren des Erinnerns, und, vor allem: über das Ende – und den Anfang: Als literarische Erschöpfung oder natürliches Ableben, autobiografisch oder erfunden. Klar ist, dass sich in ihren Prosatexten Thematik und Stimmung aus den erzählten Gefühlen ihrer Lyrik niederschlägt.

Zoran Živković ist, treu in der serbischen Tradition der Postmoderne, einer der wichtigsten Autoren Serbiens. Die Stränge seines Romans bildet die Linie der Donau; fünf fiktive Brücken, fünf reale Städte (Regensburg, Wien, Bratislava, Budapest, Novi Sad), Wunder und phantastische Szenerien bilden ein Dickicht aus fantastischen und tatsächlichen Elementen und reflektieren über Identitäten, Nationalitäten und die Grenzen des Literarischen.

März 2011

K. Kosmas, Jan-Gunnar Franke

Die Förderer

›Kleine Sprachen - große Literaturen. Die Anthologie 2011‹ erscheint zur Leipziger Buchmesse 2011 und wurde finanziell ermöglicht durch das Bulgarische Kulturinstitut Berlin, die Griechische Kulturstiftung Berlin, die Botschaft der Republik Kroatien (Kulturabteilung), das Ministerium für Kultur, Hochschulen und Forschung (Luxemburg), das Rumänische Kulturinstitut Titu Maiorescu Berlin, die Botschaft der Republik Serbien (Kulturabteilung), das Slowakische Institut Berlin, das Collegium Hungaricum Berlin – das Ungarische Institut und die Botschaft der Republik Zypern (Kulturabteilung). Der Verlag dankt für die Unterstützung.

Jan-Gunnar Franke, Konstantinos Kosmas [Hrsg.]:
Kleine Sprachen – große Literaturen. Die Anthologie 2011. Elf Autoren aus neun Ländern in Erstübersetzung.

Literatur in der EKF 1
96 S. | 18,0 x 11,0 cm | 90 g | Paperback
ISBN 978-3-933816-53-5
1. Auflage 2011 | 7,00 EUR