Carsten Schymik:
Europäische Anti-Föderalisten

Volksbewegungen gegen die Europäische Union in Skandinavien

Zum Titel

Man bezeichnet sie als Euroskeptiker, Europagegner oder Anti-Europäer. Man hält sie für nationalistisch, extremistisch oder schlicht für Spinner und Chaoten. Die Rede ist von politischer Opposition gegen die Europäische Union. Doch wer ist eigentlich ein Euroskeptiker? Und worin besteht seine Euroskepsis? Diese in der Politikwissenschaft weitgehend unerforschten Fragen untersucht Carsten Schymik am Beispiel der sogenannten Volksbewegungen gegen die EU in Dänemark, Norwegen und Schweden – den ältesten, größten und erfolgreichsten Anti-EU-Bewegungen Europas. Die Studie plädiert dafür, skandinavische EU-Gegner nicht als Anti-Europäer zu begreifen, sondern in historischer Kontinuität mit jenen Antifederalists, die vergeblich gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika 1787/88 opponierten. 

Inhalt

Das ausführliche Inhaltsverzeichnis als PDF-Datei finden Sie hier.
Dem Band liegt eine CD-ROM mit ausgewählten Quellentexten in der Übersetzung des Autors bei.

Vorwort
Inhalt
Tabellen und Abbildungen
Abkürzungen

TEIL I – EINLEITUNG
1. Wer sind die Euroskeptiker? Was ist Euroskepsis?

TEIL II – THEORIE
2. Politischer Widerstand im Prozeß der europäischen Integration
2.1 Föderalismus
2.2 Funktionalismus
2.3 Intergouvernementalismus
2.4 Drei Modelle anti-integratorischer Opposition

TEIL III – LÄNDERFALLSTUDIEN
3. Einführung: Skandinavien und Europa nach 1945
4. Norwegen
5. Schweden
6. Dänemark

TEIL IV – VERGLEICHENDE ANALYSE
7. Akteure: Bewegung des Volkes?
8. Allianzen: Bewegende Interessen?
9. Argumente: Bewegte Wirklichkeit?

TEIL V – SCHLUSS
10. Die europäischen Anti-Föderalisten

Quellen
Literatur

Textauszug | Einleitung

1. Wer sind die Euroskeptiker? Was ist Euroskepsis?
Das Thema dieser Studie lautet politischer Widerstand gegen die europäische Integration. Ihr empirischer Gegenstand sind außerparlamentarische Bewegungen gegen die Europäische Union in den skandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen und Schweden. In diesen Volksbewegungen, wie sie sich selbst nennen, kommt ein Phänomen europäischer Politik zum Vorschein, das zwar zunehmend an Bedeutung gewinnt, von dem wir uns jedoch noch keinen rechten Begriff gemacht haben. Es geht nämlich um Europäer, die vermeintlich das Gegenteil von ›Europäern‹ darstellen. Es geht um europäisches Denken, das für ›anti-europäisch‹ gehalten wird. Es geht um ein Problem, das im medialen und politischen Diskurs vor allem mit einer aus dem Englischen stammenden Vokabel belegt wird. Die Rede ist von eurosceptics und euroscepticism. Wer sind diese sogenannten Euroskeptiker, und worin besteht ihre Euroskepsis? Diese Fragen beschreiben im weitesten Sinne das Erkenntnisinteresse dieser Forschungsarbeit ...

Rezension

Die Europäische Integration ist ein zentrales innenpolitisches Streitthema in Dänemark, Norwegen und Schweden. Das Buch von Carsten Schymik <em>Die Europäischen Anti-Föderalisten. Volksbewegungen gegen die Europäische Union in Skandinavien </em>befasst sich mit den Akteuren des politischen Widerstandes gegen die EU. Die Kernfragen der Untersuchung lauten, wer die EU-Gegner sind und welche Beweggründe sie für ihre ablehnende Haltung gegenüber der EU-Integration haben (S. 12). 

Nachdem Schymik in der Einleitung kritisiert, dass Vorurteile und negative Bilder über die EU-Gegner dazu geführt haben, dass die wissenschaftliche Forschung sich nicht hinlänglich oder einseitig mit EU-Gegnern befasst habe, folgt ein längerer Theorieteil, in dem versucht wird, EU-Gegnerschaft mit gängigen Integrationstheorien zu erfassen. Hierbei beschreibt und unterscheidet Schymik die drei vorherrschenden Theoreme zur Erklärung von Integration: den Föderalismus, den Funktionalismus und den Intergouvernementalismus. Dabei setzt er sich zum Ziel zu untersuchen, inwieweit diese Theorien Ansatzpunkte für eine Theorie der Erklärung von Integrationswiderstand bieten. Schymik klassifiziert den Funktionalismus als integrationslegitimierende Theorie, welche die Möglichkeit eines dauerhaften Integrationswiderstandes axiomatisch negiert. Auch der Intergouvernementalismus, der in einer Phase der Stagnation der Europäischen Integration – der so genannten Eurosklerose – entstand, wird keinesfalls als beste Theorie zur Erklärung des Integrationswiderstandes angesehen. Vielmehr hält Schymik die Theorie des Föderalismus für den brauchbarsten theoretischen Zugang, um EU-Gegnerschaft zu erfassen. Und – so eine zentrale Aussage von Schymik – eben diese idealistische Sichtweise auf Integration gilt nicht nur für die Integrationsbefürworter, die europäischen Föderalisten; sie gilt auch für die primär idealistisch motivierten Integrationsgegner, die von Schymik so benannten „europäischen Anti-Föderalisten“. Neben diesen theoretischen und normativen Einordnungen der EU-Gegner als Anti-Föderalisten ist das Buch eine detailreiche Beschreibung der norwegischen, dänischen und schwedischen Volksbewegungen gegen die EU (bzw. ihrer Vorgängerorganisationen). Auf der beigefügten CD-Rom finden sich zudem zahlreiche Primärquellen. Im Wesentlichen chronologisch werden im Hauptteil des Buches die Geschichten der Bewegungen gegen die Integration in den drei skandinavischen Ländern geschildert. 

Nach dem Theorieteil (S. 31–59) und der Beschreibung der skandinavischen Volksbewegungen (S. 64–189), kommt Schymik zu seiner vergleichenden Analyse (S. 193–305). Hierbei vergleicht er zunächst die sozioökonomischen Bedingungen und Strukturen der Integrationsgegner und ihrer Bewegungen. Im Folgenden widmet er sich der Frage, welche innergesellschaftlichen Bündnismöglichkeiten und Konstellationen sich für die EU-Gegner in den drei Ländern bieten. Sowohl in Hinblick auf Organisation, Mitglieder und potentielle Bündnispartner waren die norwegischen EU-Gegner demnach in einer im Vergleich zu ihren skandinavischen Brüderbewegungen komfortablen Situation. 

Aber wenngleich die Ressourcen und Opportunitätsstrukturen im politischen System in Norwegen für die EU-Gegner wesentlich besser sind als in den Nachbarstaaten, so ändert dies nach Schymik nichts daran, dass die programmatische Ausrichtung und die Werte der EU-Gegner in allen drei Ländern nahezu identisch sind. Hauptmotive der EU-Gegner sind dabei die Aufrechterhaltung der (nationalstaatlichen) Demokratie und der wohlfahrtsstaatlichen Ordnung. In der Wahrnehmung der EU-Gegner erscheint die EU als ein föderatives Staatengebilde mit einer Tendenz zu verstärkter Integration. Die EU-Gegner lehnen diese Föderation ab, weil sie den (National-) Staat für leistungsfähiger halten. 

Interessant dürfte das Buch von Schymik für Bewegungs- und Europaforscher sein, die keine Skandinavienexperten sind. Denn hier finden sie eine ausführliche empirische Basis und Beschreibung der skandinavischen Volksbewegungen gegen die Europäische Integration. 

Jochen Hille (Berlin) / NORDEUROPAforum 1/2007, S. 135f.

Carsten Schymik:
Europäische Anti-Föderalisten.
Volksbewegungen gegen die Europäische Union in Skandinavien

Politik 1
480 g | Paperback
mit Beilage-CD-ROM
ISBN-13: 978-3-933816-28-3
45,00 EUR
EKF Wissenschaft
360 S. | 22,0 x 14,5 cm
ISBN-10: 3-933816-28-9
1. Auflage 2006